Dienstag, November 07, 2006

Gollwitz 2006
Es stand in einigen Zeitungen heute. Auch in der jungen Welt. Nur eine kleine Meldung, den Agenturen entnommen:

„Das Land Brandenburg unterstützt die Restaurierung von Schloss Gollwitz bei Brandenburg/Havel. Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) sicherte am Sonntag in Potsdam 10.000 Euro aus Lottomitteln zu. (…) Das Schloss wird zu einer Begegnungsstätte für jüdische und nichtjüdische Jugendliche ausgebaut. Jungen Menschen aus verschiedenen Ländern wie Deutschland, den USA, Großbritannien und Israel soll dort Gelegenheit geboten werden, einander und andere Kulturen kennen zu lernen. (…) Die Stiftung entstand 2001 als Initiative von Bürgern mit Beteiligung der Gemeinde Gollwitz und des Landkreises Potsdam-Mittelmark sowie mit Unterstützung des Zentralrats der Juden in Deutschland und Prominenter aus Politik und Gesellschaft. Die Sanierung des Schlosses wird von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz begleitet. Die Restaurierung wird über Spenden sowie EU-, Bundes- und Landeszuschüsse finanziert.“

Aber irgendetwas fehlt bei dieser Meldung. Nämlich der politische Hintergrund, weshalb genau in diesem „Schloss“ ein deutsch-jüdisches Begegnungszentrum eingerichtet wird. Und diese Leerstelle ist - gerade in der jungen Welt - sicher kein Zufall. Denn Gollwitz und Juden - war da nicht mal was?

Allerdings: Der Gemeinderat des 400-Einwohner-Dorfes Gollwitz im Landkreis Potsdam-Mittelmark hatte sich einstimmig gegen die Aufnahme von 50 jüdischen Aussiedlern in Gollwitz ausgesprochen. Bürgermeister Andreas Heldt erklärte die Weigerung des Gemeinderats damit, dass "wir einfach Probleme sehen", wenn die Aussiedler in der Gemeinde untergebracht würden. Heldt beschwerte sich außerdem darüber, dass das zuständige Sozialministerium auf "die Sorgen und Ängste" der Dorfbevölkerung nicht eingegangen sei. In der Bürgerversammlung monierte jemand, dass die Juden dann rund 15 Prozent der Dorfbevölkerung ausmachen würden. Bürgermeister Heldt brachte schließlich eine Beschlussvorlage ein, in der das Übergangsheim abgelehnt wird, weil es "erheblich in das dörfliche Gemeinschaftsleben eingreifen" würde. Die Abgeordneten stimmten ohne Ausnahme für diesen Antrag, die rund 20 Einwohner im Versammlungsraum klatschten Beifall.

Gegenüber der Lokalpresse gab der Bürgermeister sogar zu, dass er "vielleicht ausländerfeindlich" sei, aber "nicht braun". Gegen Juden habe er "persönlich" nichts. Er sei selbst drei Wochen in Israel gewesen und habe die Gedenkstätten angeschaut. "Aber dort sind sie auch nicht gut auf die Deutschen zu sprechen, das muss ich auch mal sagen", erklärte der Bürgermeister. Nach einer auch in der Linken heftig umstrittenen Antifa-Demo in Gollwitz, am 9. November 1997, forderte er, der Zentralrat der Juden in Person von Ignatz Bubis, der den Gemeindebeschluss heftig kritisiert hatte, müsse sich für die Hetze gegen die Gollwitzer entschuldigen.

Die Tageszeitung junge Welt ergriff seinerzeit Partei für die Gollwitzer Bevölkerung. Nach der politischen Säuberung der Redaktion im Juni 1997 zeigte das Blatt erstmals ganz ungeschminkt, welche Richtung es zu gehen gedachte. "Pressegeier über Gollwitz" titelte sie am 6. Oktober 1997 und schwang sich auf, die beschimpften und beleidigten Bewohner der "märkischen Sandbüchse" zu rächen. Journalisten "von westlich der Elbe" hätten in Gollwitz einen neuen "Fall ostdeutschen Antisemitismus" ausgemacht. Das Fernsehteam vom ORB sei "eigens zur Berichterstattung aus Gollwitz angereist". Skandal! Dabei waren die Gollwitzer doch selbst nur Opfer! Die junge Welt analysierte: Von oben werden sie im sozialen Elend gehalten, "weder einen Kaufladen oder eine Kneipe; noch eine Kita, eine Schule oder ein Jugendzentrum" gebe es in dem Dorf. Und harte Einzelschicksale: "Nun als Rentner baut er sich die Heizung in sein Häuschen selbst ein. Eine Installationsfirma kann er sich nicht leisten." Bemitleidenswerte „Krisenopfer“ seien die Gollwitzer, nicht Täter.

Die Kommunistische Plattform (KPF) der PDS, sprang der jungen Welt bei. Nicht Rassismus sei das Problem, sondern die soziale Benachteiligung der ehemaligen DDR-Bevölkerung. KPF-Sprecherin Ellen Brombacher skizzierte die Gesellschaft als Hühnerhof, bei dem auf der sozialen Hühnerleiter ein Huhn auf das rangniedrigere einhacke. Da die Ostdeutschen, in diesem Fall speziell die Gollwitzer, auf der vorletzten Sprosse stünden, dürfe man sich nicht wundern, wenn sie auf die einzige Bevölkerungsgruppe einhackten, die sich darunter befinde - offenbar jüdische Ausländer. Ganz NATÜRLICH also, mehr oder weniger eine Frage der sozialen Biologie. Rassismus? Das könne es bei ehemaligen DDR-Bürgern ja gar nicht geben…

So entschuldigten damals Teile der Linken (es entstand der Begriff „Gollwitz-Linke“) den virulenten Antisemitismus und Rassismus in der ostdeutschen Bevölkerung. Gollwitz war der Ausgangspunkt so mancher Spaltung und Ausdifferenzierung in der Linken, auch übrigens für den Weg, den die gerade erst entstandene Jungle World in Abgrenzung zu diesem nationalbolschewistischen Antisemitismus einschlug. Das ging soweit, dass Jürgen Elsässer, heute wieder 110prozentig auf dem nationalbolschewistischen Weg, damals in der Jungle World in einem Artikel zu dem Ergebnis kam: Nach Gollwitz sei es „nicht nur illusionär, sondern reaktionär, sich positiv auf die Linke zu beziehen“. Ein Beitrag, an den ich ihn und alle gerne erinnere: hier der Link.

Dass nun ausgerechnet in Gollwitz ein deutsch-jüdisches Begegnungszentrum entsteht, ist kein Zufall - und war in Gollwitz auch nicht unumstritten. Nach dem großen Medieninteresse 1997 an der rassistischen und antisemitischen Grundstimung in dem Städtchen, versuchte die Gemeinde, ihren Ruf zu retten. Es gab Gesprächskreise, wie etwa im Jahr 2002, von dem der Tagesspiegel berichtete:

„Das Dorf Gollwitz wurde bekannt, als es sich gegen den Zuzug von 50 jüdischen Aussiedlern aus Russland wehrte. Das war vor fünf Jahren und deshalb trafen sich dort jetzt Brandenburger Schüler und jüdische Altersgenossen aus Berlin mit Bundestagspräsident Wolfgang Thierse. Sie sollten über Antisemitismus sprechen, sich kennen lernen und Vorurteile abbauen. Das war die Idee der Organisatoren. Doch die Unterhaltung zeigte: Rechtfertigungsversuche, Vorwürfe und Missverständnisse machen es den Schülern schwer, sich anzunähern. (…)
Das neue Projekt soll eine Chance sein für den Ort, sein Image zu verbessern, hofft der Gemeinderat. Gollwitz unterstützt die Stiftung finanziell. Die Alteingesessenen freuen sich in erster Linie darüber, dass sich jemand um das verfallende Schloss kümmert, sagte gestern ein Dorfbewohner. Eine junge Frau lehnt dagegen die neue Nutzung ab: „Begegnungsstätte ist doch ein anderes Wort für Asylantenheim.“

Die eine Seite versucht also, ihr Image zu verbessern, die andere, darunter der Zentralrat der Juden, hofft offenbar, die Menschen in Gollwitz zur Vernunft bringen zu können mit einem Bildungs- und Kulturangebot.

Wie die Geschichte in Gollwitz weitergeht, wird zu beobachten sein. Doch das, was damals an politischem Bruch in der Linken stattgefunden hat, das ist nicht mehr zu kitten. Hoffentlich! Es war ein geradezu historischer Bruch, der die zentralen, unüberbrückbaren Differenzen zwischen der nationalbolschewistischen und der, sagen wir, emanzipatorischen, antinationalen Linken offenbarte. Für diese Klarstellung, muss man der jungen Welt und den anderen Idioten, die damals auf deren Zug aufsprangen, höchst dankbar sein. Auch dafür steht Gollwitz 2006.

3 Comments:

At 5:43 nachm., Blogger saltandvinegar said...

ich wuerde gollwitz eher als etappe, nicht als ausgangspunkt fuer die von dir beschriebene spaltung sehen. aber wege sind ja unterschiedlich.

 
At 2:14 vorm., Blogger Ivo Bozic said...

ja na gut, da habe ich meine eigene geschichte vielleicht etwas zu stark verallgemeinert....

 
At 2:38 nachm., Blogger Ingo Way said...

Ist das auch schon wieder fast 10 Jahre her, daß wir noch gemeinsam mit Jürgen Elsässer in Gollwitz demonstriert haben. Jaja, die eigene Jeschüschte. Man wird alt.

 

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