Dienstag, Januar 30, 2007

TELAVIVO
Polen ist ja in etwa so wie Neukölln ohne Türken. Aber mit was um G*ttes W*llen kann man Israel vergleichen? Mit dieser völlig irrelevanten Frage beschäftige ich mich diese Woche in der Jungle World. Hier die Kolumne:


Ein bisschen Italien, ein bisschen DDR
Wie ist Israel denn so? Toll! Ja, aber wie? Was sagt man da? Ein bisschen wie Italien. Ja. Das mediterrane Klima, die mediterrane Atmosphäre. Das Verhalten im Straßenverkehr, die Handy-Manie. Die schönen Frauen, die schönen Männer. Mit einem Auge für Stil. Guter Wein. Die unstete „Parteienlandschaft“. Die Leidenschaft für laute Diskussionen, die spontane, sich per Telefon dirigierende Verabredungskultur („Wo steckst du? Wir sind jetzt hier, ich ruf dich noch mal an, wenn wir dort sind.“), eine gewisse Unzuverlässigkeit - und die charmante Ruppigkeit: Zwar sind Italiener Weltmeister im Sich-Bedanken und im Sich-Entschuldigen, aber das bedeutet noch lange nicht, dass sie es auch so meinen. Trotz aller Höflichkeitsformeln drängeln sie sich in der Schlange vor, schuppsen sich in den Bus hinein, schneiden dir den Weg ab, müssen an der Ampel der Erste sein. Höflichkeitsfloskeln kennen die Israelis hingegen nicht, aber auch das heißt nicht, dass sie es so meinen. Sie drängeln, schuppsen und schimpfen genau wie die Italiener, in Wirklichkeit sind aber Italiener wie Israelis unglaublich freundliche, zuvorkommende und hilfsbereite Menschen.

Ein bisschen ist Israel natürlich auch wie die USA (Multikulti, Debattenkultur, Hippies, Amerikaner) und etwas Orient (Falafel, Araber, kaum Schweinefleisch). Dazu eine Prise Old Europe (Bildung, Literatur, Kunst, Sexshops), Afrika (Wüste), Holland (Pragmatismus, Erfindungseifer) und ein wenig Japan (Technologie, bevorzugte Automarken).

Tja und dann ist Israel auch ein bisschen wie die DDR. Ja, wirklich. Und damit meine ich nicht nur die Kibbuz-Kollektive, die Produktionsgenossenschaften, die ganze quasi-sozialistische Gründungszeit. Beide Staaten sind etwa zur gleichen Zeit entstanden, was man ihnen ansieht, bzw. sah, und haben eine Generation von Pionieren hervorgebracht, die eine besondere Stellung im Staat und in der Gesellschaft einnehmen. Der Pioniergeist ist überall spürbar. Natürlich vor ganz anderen politischen Ausgangsbedingungen, und dennoch: Eine unsouverän wirkende permanente nationale oder politische Selbstvergewisserung. Und: Überall Russen! Die Architektur ist verwandt. Bauhaus stammt aus Weimar und Dessau. Die Bausubstanz vieler Wohnhäuser ist marode. Das Militär nimmt eine wichtige Rolle in der Gesellschaft ein, ist überall präsent. Die Springbrunnen sehen fast alle aus wie der am Alexanderplatz. Die ausgiebigen Grenzkontrollen, Bürokratie. Die Frauen sind selbstbewusst, was in der DDR durch ihre ökonomische Selbstständigkeit, in Israel vermutlich durch ihre Militärzeit begründet war bzw. ist.

Sicher, in noch viel mehr Punkten ist Israel ganz anders als Italien oder die DDR. Aber wer weiß, hätte die DDR am Mittelmeer gelegen und wäre von Israelis bewohnt und regiert worden… Ach, völliger Unsinn, sagen Sie? Das ist doch alles an den Haaren herbeigezogen? Das kann man auch anhand hundert anderer Staaten irgendwie konstruieren? Möglich. Gut möglich. Wahrscheinlich sogar. Vielleicht ist Israel eben doch nicht vergleichbar. Nein, ganz sicher nicht. Schon deshalb: Es ist voller Juden. Und das ist auch gut so.

6 Comments:

At 11:39 vorm., Blogger orcival said...

also ich fand das alles recht treffend. wenn ich auch zu deinem italienbild bemerken muss, dass es bei juengeren exemplaren ja durchaus auch ausser mode kommt, sich zu entschuldigen. wird italien nun also israelischer? zu hoffen waers in der einen oder anderen hinsicht wohl, aber nun ja just in diesem moment tippt mir die realitaet mal wieder mit einem entschuldigenden laecheln auf schulter

 
At 11:49 vorm., Blogger saltandvinegar said...

ach ivo, wenn wir dann unser bier-date haben, bei dem du mich geschichtsbelehren wirst, sollten wir doch direkt auch das thema 'okoenomische selbststaendigkeit der ddr-frauen' abhandeln.
du liegst ganz leicht daneben. (oder ich, kann auch sein.)

 
At 5:34 nachm., Blogger thomas said...

Du hast die Gegenwartskunst vergessen. Die ist einfach noch etwas realsozialistischer als die DDR. Z.B. bunte, platte Ziegen aus Stahl, die Verkehrskreisel schmücken oder das hier.

 
At 12:03 vorm., Blogger Stanzi said...

ach ja, Israel.. ...und ein bisschen wie Südafrika, vor nicht allzu langer Zeit....

 
At 10:42 vorm., Blogger transponder said...

Na ja, du hängst zu viel in Tel-Aviv rum…;)
Jerusalem ist ein ganz anderes Pflaster und mit nix auf der Welt vergleichbar.
Auch sonst unterscheiden sich die Städte, Kibbuze in ihrer Mentalität/Kultur/Lebensweise sehr. Was eher damit zu tun, wo die jeweiligen BewohnerInnen herkommen, eine israelische Mentalität gib es meines Erachtens nicht. Wobei deine Beobachtungen allesamt stimmen, grad in Bezug auf Tel-Aviv.

 
At 2:09 vorm., Blogger hank said...

jaja, die italiener, ich glaub da muss man gar nicht weiter differenzieren, wenn man so eine brilliante beobachtungsgabe wie du hat. liegt wahrscheinlich daran, dass du holländer bist. die deutschen, die ja alle fleißig und genau sind, hättten wahrscheinlich für solch bahnbrechenden verallgemeinerungen erst einmal eine genaue studie aufstellen müssen.

alter, gehts noch?
anscheinend hat die zeit bei der jungen welt mehr geprägt, als gedacht.

 

Kommentar veröffentlichen

<< Home