Sonntag, November 12, 2006

Seufzen oder zusammenzucken?
Upps, was steht denn da im „Rechten Rand“?

Dokumentation:

Der (S)choc(k) des Monats oder
Wie der Elsässer zu den Nazis kam

Vom Kommunistischen Bund (KB) zur „Radikalen Linken“. Eine Station im Leben des Jürgen Elsässer. Damals, zur Zeit des Untergangs der DDR, als er publizistisch noch als Jürgen (Stuttgart) auftauchte, gehörte er zu den Wortführern der antinationalen Strömung der deutschen Linken. Diese analysierten treffend, dass der Anschluss der DDR nicht nur einen sozialen Kahlschlag in Ost und später auch in West nach sich ziehen würde, sondern dass das größere Deutschland auch größere Ziele verfolgen würde, danach strebend sich als Weltmacht zu etablieren. Und auch die Tendenzen zu einem Geschichtsrevisionismus, der die Schatten der NS-Vergangenheit verdrängen sollte, sagten Elsässer und die Antinationalen voraus.

Politische Wortführer und Publizisten leben von der Originalität. So auch Jürgen Elsässer. Von der „Analyse + Kritik“ des KB ging es zur „Jungen Welt“, vom undogmatischen Kommunisten über den Antinationalen wandelte er sich zum Antideutschen. Auf den Bruch mit der „Jungen Welt“ und die Mitbegründung der „Jungle World“ folgte eine Periode als Redakteur der Monatszeitschrift „Konkret“. Und nach dem nahezu unvermeidlichen Zwist mit deren Herausgeber Hermann Gremliza kam der Salto rückwärts, die Heimkehr zur Tageszeitung „Junge Welt“. Die war zwar in ihrer Ausrichtung das geblieben, was der Elsässer von früher scharf gegeißelt hatte, nämlich ein Blatt mit unübersehbaren nationalbolschewistischen Tendenzen und häufigen antisemitischen Ausfällen, doch der Elsässer von ehedem hatte inhaltlich nicht mehr viel gemein mit dem reumütigen Heimkehrer.

„Mein Gott, Jürgen!“, seufzten bald manche, die ihn ein Stück seines kurvenreichen Weges begleitet hatten. Diejenigen, die seine Kritik am NATO-Angriffskrieg auf Rest-Jugoslawien geteilt hatten, zuckten zusammen, wenn sie nunmehr seine Rechtfertigungen der Politik Slobodan Milosevics oder die völkischen Positionsnahmen gegen Albaner lasen. Jene, die mit ihm gemeinsam vor den antisemitischen Konnotationen eines unreflektierten Antiamerikanismus gewarnt hatten, wandten sich entsetzt ab, wenn er nunmehr anlässlich des faktischen Bündnisses der slowakischen Sozialdemokraten mit der zur extremen Rechten zählenden Slowakischen Nationalpartei (SNS) verkündete: „Zum ersten Mal seit der kapitalistischen Wende 1989/90 kommt in Donald Rumsfelds ‚neuem’ Europa eine politische Kraft ans Ruder, die mit dem Neoliberalismus brechen will.“ Der Elsässer von heute scheint es mit dem CSU-Chef Franz-Josef Strauss zu halten, der angesichts von Parteigründungen rechts von der Union lapidar erklärt hatte: „Mit Hilfstruppen darf man nicht zimperlich sein.“ Zimperlich ist erst recht Jürgen Elsässer nicht, wenn es um Verbündete im Kampf gegen den Neoliberalismus der USA geht. Er geht sogar noch weiter aus Strauß. Zwar gesteht er ein, dass die Propaganda der SNS „gelegentlich unappetitlich“ sei, doch nur um sofort wieder eine völkische Wende zu vollziehen, indem er als eigentlichen Feind die ungarische Minderheit in Slowakien ausmacht, die gleichzeitig auch das ausgemachte Hassobjekt der SNS darstellt.

Doch schlimmer geht immer. Keinen Preis gibt es für die Frage, von wem das folgende Zitat stammt: „Mit Staatsknete wird Multikulti, Gender-Mainstreaming und die schwule Subkultur gefördert, während die Proleten auf Hartz IV gesetzt werden und sich oft auch keine Kita, kein Schwimmbad und keine warme Wohnung mehr leisten können. Muss man sich wundern, dass die Opfer dieser Politik diesen Betrügern ihre Stimme nicht mehr gegeben haben?“ Richtig, es handelt sich natürlich nicht um den Kommentar der NPD zu den Berliner Abgeordnetenhauswahlen, sondern um den von Jürgen Elsässer zum Abschneiden der dortigen neoliberalen Linkspartei.PDS. Auch Worthülsen wie „Staatsknete“ und „Proleten“ ändern allerdings nichts daran, dass die NPD dem Inhalt umstandslos zustimmen könnte.

Doch noch, werden Kritiker einwenden, habe doch Elsässer, immerhin Autor eines kritischen Bandes über die DVU, den Rubikon nicht überschritten. Noch sei er schließlich den Weg Horst Mahlers, Bernd Rabehls und anderer Renegaten der Linken nicht gegangen, die sich den Faschisten andienen. Das stimmt. Und es stimmt nicht.

In Deutschland nämlich hält es sich tatsächlich (noch) zurück. Im Ausland sieht dies anders aus. Dort redet es sich gänzlich ungeniert. „Choc du mois“ (Schock des Monats) heißt das Hochglanzmagazin, das in Frankreich seit dem Mai dieses Jahres in einer Auflage von 25.000 Exemplaren vertrieben wird. Aufmacher der ersten Ausgabe war ein Interview mit dem schwarzen Komiker Dieudonné M’bala M’bala, einstmals bei der Linken geschätzt und inzwischen glühender Antisemit. Die Oktober-Nummer präsentiert ein Gespräch mit Brigitte Bardot, heute vor allem bekannt durch ihre Nähe zum faschistischen Front National. Die Orientierung ist eindeutig. Es handelt sich um ein strömungsübergreifendes Projekt der extremen Rechten mit eindeutig verschwörungstheoretischen, antisemitischen und negationistischen Tendenzen.

Es knüpft an den gleichnamigen erfolgreichen Vorgängen an, der 1993 sein Erscheinen einstellen musste. Chefredakteur damals wie heute ist Bruno Larebière. Heutiger Herausgeber ist Jean-Marie Molitor, der zugleich das faschistische Monatsblatt „Minute“ verantwortet. 1993 musste die Zeitschrift ihr Erscheinen nach einem Interview mit Robert Faurisson einstellen, der darin vom „Mythos der Gaskammern“ gesprochen hatte. Die nachfolgende Geldstrafe überlebte das Blatt nicht.

Nun ist es wieder da. Und präsentiert stolz in der Ausgabe von Juli/August auf drei Druckseiten ein Gespräch mit Jürgen Elsässer. Weitere Interviewpartner in der gleichen Nummer: der Chef des Front National, Jean-Marie Le Pen, sowie dessen ehemaliger Kronprinz Bruno Mégret. Unter dem Titel „Wie der Dschihad nach Europa gekommen ist“ präsentiert Elsässer seine Erkenntnisse. Heimlich paktierten die USA weiterhin mit den Islamisten, auch wenn der Krieg in Afghanistan ein anderes Bild vermittle. So seien die SDA in Bosnien und die UCK im Kosovo weiterhin die Komplizen der USA. Elsässer wörtlich: „Auf dem Balkan ist die Hauptkraft der Destabilisierung die albanische Mafia, die Drogen und Waffen von ihren Brüdern in Afghanistan und anderswo bezieht.“ Behauptungen, die weder neu noch originell sind. Es handelt sich um eine Argumentationskette, die bereits seit Jahren der „neu “rechte Autor Alexandre de Valle in seinen Büchern „Kriege gegen Europa. Bosnien – Kosovo – Tschetschenien…“ sowie „Islamismus und Vereinigte Staaten – Ein Bündnis gegen Europa“ entwickelt hat. Del Valle gehört zu jener Fraktion der „Neuen“ Rechten, bei der der frühere Doppelfeind USA – UdSSR durch den neuen Zwillingsgegner USA – Islamismus abgelöst worden ist.

Nein, neu ist das alles wahrlich nicht. Originell sind höchstens andere „Erkenntnisse“, die Elsässer seinem französischen Gesprächspartner verrät. In Washington bestehe nämlich eine Doppelherrschaft, die sich der Kontrolle von George Bush entziehe. Neokonservative wie Cheney, Rumsfeld und Wolfowitz bildeten den Gegenpart zum Präsidenten, „Männer, die verknüpft sind mit den Interessen der Petro- und Rüstungsindustrie“. Sie wollten Chaos auf dem gesamten Globus herbeiführen, damit sich Waffen leichten und Öl teurer verkaufen lassen. Wem das noch nicht genug der Verschwörungstheorie ist, für den hat Elsässer noch ein Schmankerl zu bieten. Am Morgen des berühmten 11. September habe es einen Attentatsversuch auf George W. Bush gegeben. Der Präsident habe sich deshalb den ganzen Tag in einem unterirdischen Bunker verstecken müssen und habe nicht nach Washington zurückkehren können. Für die geistigen Urheber des Attentats fehlt Elsässer vorsichtshalber den Konjunktiv. Es sollen „Cheney & Co.“ Gewesen sein.

„Wie der Dschihad nach Europa gekommen ist“ lautet auch der Titel des jüngsten Buches von Elsässer, erschienen im österreichischen NP-Verlag, einem Tochterunternehmen des renommierten Residenzverlags. Das Interview ist faktisch Promotion für die französische Übersetzung des Bandes. Das Vorwort dazu hat der prominente nationalistische Sozialdemokrat und ehemalige Präsidentschaftskandidat Jean-Pierre Chevènement verfasst. Soweit, so unspektakulär. Der Verlag, der Elsässers Band für das französischsprachige Publikum veröffentlicht hat, ist scheinbar ein unbeschriebenes Blatt. Es handelt sich um den im schweizerischen Vevey ansässigen Verlag „Xenia Éditions“. Ganz und gar kein unbeschriebenes Blatt ist dagegen der Verleger, der Exil-Serbe Slobodan Despot. Despot hatte vor der Gründung seines eigenen Unternehmens fünfzehn Jahre lang den Verlag „L’Age d’homme“ geleitet, der sich immer stärker zum Hausverlag der „Neuen“ Rechten entwickelt hatte. Alain de Benoist findet sich unter den Autoren ebenso wie der bereits angeführte Alexandre del Valle oder der ehemalige General Pierre-Marie Gallois. Ebenso wie Despot tauchen die drei genannten Autoren als Unterzeichner des Aufrufs „Non à la guerre!“ (Nein zum Krieg) auf, mit dem die französische „Neue“ Rechte 1999 während des Kosovo-Kriegs nicht ohne Erfolg versuchte, ein Querfront-Projekt zur Unterstützung Serbiens zu starten. Ein Umgebung also in der sich Jürgen Elsässer wohl fühlen dürfte.

Bleibt eigentlich nur noch eine Frage: Was hat ein solcher Autor als Berater der Bundestagsfraktion der Linkspartei.PDS für den Untersuchungsausschuss zur BND-Affäre zu suchen?

Volkmar Wölk


Und ich dachte schon, es geht darum…

Der Rechte Rand, „Informationen von und für AntifaschistInnen“. Immer wieder lesenswert! Kann man auch abonnieren!

Quelle Bilder

2 Comments:

At 6:14 nachm., Blogger TanjaKrienen said...

Der "Rechte Rand" ist natürlich kompletter Müll, der in Dimitroffscher Manier "Faschisten" drechselt, die vor allem durch das eine von den historischen zu unterscheiden sind, nämlich: dass sie keine sind. Selbst wenn der RR mal recht hat, ist dies so richtig und so ehrlich wie der "Antifaschismus" der SED. http://www.campodecriptana.de

 
At 12:34 vorm., Blogger kleiner said...

Es ist eigentlich seltsam wieso du das Wort Antifaschismus in Anführungszeichen schreibst. Natürlich war der Antifaschismus in der DDR nicht ohne Makel, aber er entfernte die Nazis aus den Positionen und bestrafte sie: Wie im 1969 in der DDR erschienenen Braunbuch dass der jüdische Antifaschist und SED-Professor >Altbert NOrden schrieb nachzulesen ist wurde in der DDR weit mehr Todesurteile gegen Neonazis vollstrekt als in der BRD obwohl in der DDR weniger MEnschen lebten!
Eigenartig dass auf einer linken seite solche auffassungen gegen die DDR zum ausdruck kommen
solidarische fundierte kritik wäre angebrachter

 

Kommentar veröffentlichen

<< Home