Montag, September 18, 2006

Lesestoff
Das Beste am Urlaub ist ja, dass man endlich mal zum Lesen kommt. Also bei mir ist das so. Sonst immer nur Zeitungen auf Papier und im Internet, und Blogs, und Mails, und Pamphlete, und Sachbücher und Dies und Das. Jetzt endlich wieder mal drei Romane hintereinander, toll, und alle möchte ich weiter empfehlen:


1. Das neue Buch von Philip Roth „Jedermann/Everyman“.
„Die ferne Zukunft war zur Gegenwart geworden“ ist vielleicht der Schlüsselsatz. Ein Buch über das Altwerden und die Sterblichkeit. Und die scheiß Angst davor. Wer sich nicht davon abschrecken lässt, dass jedes dritte Wort Krankenhaus, Herzkatheder oder Beerdingung ist, der/die sollte sich dieses knallharte Buch ruhig zu Gemüte führen. Leute, wenn ihr so entzückt zum Horizont blickt, bedenkt, dass da jemand steht, der euch den Krückstock in die Hand drücken wird.

2. Albert Camus’ „Der Fall“.
Ein Klassiker, den ich aber bisher nicht gelesen hatte, und der mir geschenkt worden war, wohl um mich auf gewisse Dinge hinzuweisen. :-P Sehr schön und unerbittlich. Noch dazu, weil die „Geschichte“ in Amsterdam und auf der Insel Marken spielt, wo ich zufällig gerade war.

3. Der neue Roman von meinem Lieblingsschriftsteller Philippe Djian „Die Frühreifen“.
Habe etwas gebraucht, um reinzukommen, (und war nach seinem letzten nicht ganz so überzeugenden Roman „Reibereien“ etwas skeptisch) aber dann hat es mich gefesselt. Ebenfalls knallhart. Eine Geschichte über Generationskonflikte, Werte-Nihilismus, sexualisierte Welt und dem erzieherischen Versagen der 68er-Generation. Außerdem viele Hinweise auf mir noch unbekannte Drogen und ihre möglichen Kombinationen (und Wirkungen...). Und herrlich apokalyptisch, darin ist Djian ja ein wahrer Meister. (Wer mir Hinweise auf den völlig nebulösen Ich-Erzähler geben kann, bitte gern!)

Als Lesezeichen diente mir die ganze Zeit eine mysteriöse Postkarte von Charles Bukowski, die er mir wohl geschrieben hat, um mich auf meine mögliche Zukunft hinzuweisen…

Nicht mehr geschafft, bisher, habe ich Uwe Timms „Der Freund und der Fremde“ und Jonathan Safran Foers „Alles ist erleuchtet“, und A.F.Th. van der Heijdens „Der Widerborst“.

Bei der Gelegenheit noch ein Tipp, auch wenn ich es schon letztes Jahr gelesen habe: Irvin D. Yaloms „Die Schopenhauer-Kur“ - eine ganz wunderbare (wenn auch stilistisch mäßige) Schopenhauer- UND Freud-Einführung, und eine Überlegung darüber, wie die beiden zusammenpassen, bzw. eben nicht. Eine Geschichte über das KONKRETE Verhältnis von Philosophie und Psychologie - und das im wahrsten Sinne des Wortes: aus der Praxis.

Also: Mehr lesen! Das sage ich mir jedes Mal nach dem Urlaub. Man kann es aber natürlich auch so sehen: Mehr Urlaub!

7 Comments:

At 1:24 nachm., Blogger nohan said...

"die schopenhauer-kur" war für mich eine totale enttäuschung, es waren zwar gute ansätze vorhanden, doch die ganze geschichte - besonders das ende - kann wenig überzeugen und auch stilistisch hat irvin d. yalom abgebaut.
ich kann dir nur unbedingt den vorgänger ans herz legen: "und nietzsche weinte".
darin geht es um eine fiktive psychoanalyse nietzsches bei josef breuer, dem mentor freuds - welcher auch kurz vorkommt.
tolles buch, gerade weil yalom es schafft dem leser viel über nietzsches philosophie und die psychoanalyse zu erklären ohne den roman zu stören.

und falls du dich für romane mit psychoanalytischem hintergrung interessiert, möchte ich dir auch noch "denn am sabbat sollst du ruhen" der israelischen schriftstellerin batya gur empfehlen. gur, leider letztes jahr verstorben, hat da einen spannenden krimi geschrieben, der einem gleichzeitig unheimlich viel über die psychoanalyse beibringt.

nohan.

 
At 1:34 nachm., Blogger scrupeda said...

"Krückstück" ist ja auch ein charmantes Wort für einen minder charmanten Gegenstand.

 
At 1:35 nachm., Blogger Ivo Bozic said...

@nohan. hmm, hast recht, das ende ist nicht sehr überzeugend, und stilistisch naja, wie gesagt. aber stimmt: "und nietzsche weinte" muss ich unbedingt mal lesen, haben mir schon mehrere gesagt... und batya gur ist toll! habe ich aber bisher nur "du sollst nicht begehren" mit inspektor ochajon gelesen. thanx für die tipps!!!

 
At 2:15 nachm., Blogger torsun said...

"und nietzsche weinte" kann ich dir gerne mal geben wenn du wieder back in town bist.

bestes,
torsun

 
At 6:21 nachm., Blogger sirneg said...

Die eindringlichste Verbindung von Psychoanalyse (bzw. hier auch mit gehörigem Schuss Indidividualpsychologie oder auch umgekehrt) und Literatur stellt für mich immer noch das Werk von Manes Sperber dar. Vor allem in "Wie eine Träne im Ozean", aber auch in der Trilogie "All das Vergangene..." lässt er unglaublich intime Blicke zu, ohne aufdringlich zu sein. Mal ganz abgesehen von dem anderen Gehalt den dieser "Lesestoff" in sich birgt

 
At 8:35 nachm., Blogger empty rooms said...

ist *und nitzsche weinte* ein Verriss (der Titel klingt ja nicht so) oder der Versuch einer Annäherung? In letzterem Fall würd ichs auch auf meine to read Liste setzen... (btw, eine sehr gute Nitzsche-Rezeption ist auch die seiner Freundin Lou Andres-Salome)

 
At 1:59 nachm., Blogger nohan said...

@ivo: wirklich schlecht ist es ja nicht unbedingt, nur einfach wesentlich schlechter als der nietzsche-roman.
"denn am sabbat sollst du ruhen" ist auch ein inspektor ochajon-roman, wirklich sehr empfehlenswert. da müsste ich auch mal mehr lesen.

@empty rooms: nein, keine sorge, nietzsche kommt nicht schlecht dabei weg, yalom tut seine philosophie auch nicht einfach ab. das ganze ist tatsächlich der versuch einer annäherung an seine persönlichkeit. natürlich geht es dabei vor allem um nietzsches geisteszustand, aber yalom beschreibt nietzsche keineswegs als armen irren. wenn er nicht ein interesse an nietzsche und seiner philosophie hätte, hätte er sich wohl auch nicht mit ihm beschäftigt. du hast also keinen veriss nietzsches zu befürchten.

nohan.

 

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