Dienstag, Dezember 26, 2006

Gleichwie: Der Spiegel spinnt...
In der Bahn habe ich den aktuellen Spiegel gelesen. Titelgeschichte zum Monotheismus und wie er die Gewalt in die Welt brachte. Eine wilde Zusammenwürfelung antisemitischer Geschichts- und Theologie-Theorien, die uns irgendwie sagen will, dass die Juden in Ägypten KZs unterhalten haben, und dass die Welt gut war, bis die Juden den Monotheismus in der Welt verbreitet haben. Das kann man natürlich nur behaupten, wenn man die anderen Religionen in der übrigen Welt und Menschheitsgeschichte einfach mal beiseite lässt, was der Spiegel-Autor konsequent schafft. Nachdem dann jede Menge Theorien aufgestellt und wieder verworfen werden, beziehungsweise als Spekulation gekennzeichnet, kommt der Beitrag zu dem Schluss: „Gleichwie: 2500 Jahre danach ist der Nahe Osten immer noch ein Pulverfass.” Vor allem das „Gleichwie“ ist eine Offenbarung. Nach dem Motto: Egal, wie es nun wirklich war, und ob das alles, was da vorher in diesem Text steht, irgendwie Hand und Fuß hat, beweist doch allein die Tatsache, dass im Nahen Osten "immer noch" Unfriede herrscht, was hier gesagt werden sollte. Da hätte man den ganzen theologisch-historischen Schmonzes vorher auch weglassen können.

Hannes Stein hat den Artikel schon ordentlich eingetütet. Drum erspar ich mir die Details. Nur noch ein Blick auf die Bebilderung (siehe oben). Zwei Gemälde aus dem 19. Jahrhundert (einmal „jüdischer Angriff auf Jericho“ und einmal „christliche Kreuzritter“), und dazwischen ein Foto dreier islamistischer Selbstmordattentäter-Darsteller. Bildunterzeile: „Religiöse Gewalt“. Die naheliegende Beobachtung, dass GLEICHWIE die Geschichte vor 2500 Jahren nun genau war, zwei dieser Bilder Ereignisse aus Urzeiten zeigen, und eines ein aktuelles Foto ist, gibt dem Spiegel offenbar nicht zu denken.

Mir schon. Nachdem der Spiegel in den letzten Wochen schon ausgerechnet den Deutschen das Töten beibringen und die Bürger vor dem Angriff der Killerheuschrecken warnen wollte, kriege ich langsam Angst vor der Entwicklung des „Deutschen Nachrichten-Magazins“. Irgendwann reichts mal, lieber Spiegel. Ich versteh ja, dass man zu Weihnachten mit einem Religionsthema aufmachen will. Aber wenn man nur einen Autoren hat, der vor allem ein Buch, das er grade gelesen hat, zitiert und dies dann Telegrammartig zusammenschustert, dann hat das mit seriösem Journalismus wirklich nichts zu tun… Ich sag einfach mal, ganz naiv empört: Pfui!

3 Comments:

At 11:46 vorm., Blogger Felix Möser said...

na dann happy weihnachten... und guten rutsch...

 
At 5:26 nachm., Blogger orcival said...

also eigentlich fand ich an dem artikel nur erstaunlich, dass es dem autor nicht gelungen ist, die bei dieser schmiere sonst unterdessen unvermeidlich gewordene "deutschland, war schon immer opfer"-litanei unterzubringen.
das musste dann wohl in einem getrennten artikel passieren...
erstaunlich.
auch von mir guten rutsch und mal wieder danke fuer ein jahr planetenspringen...

 
At 6:18 nachm., Blogger malariade said...

"...ganzen theologisch-historischen Schmonzes ..."

Ich glaube, da liegt eine grobe Unterschätzung vor. Die kruden Spekulationen sind nicht bloßer antisemitischer Schmuck, sondern Kern des ganzen Artikels. Schließlich bewegt sich der Spiegel-Autor damit in einer wichtigen Traditionslinie, die von Linken und Liberalen in der Regel unterschätzt wird, weil sie von Religion keine Ahnung haben. Oft sind es aber gerade vermeintliche Atheisten, in deren Hinterkopf die antisemtischen Zwangsvorstellungen vom alttestamentarischen Rachgott und der jüdischen Gesetzlichkeit herumspuken: Die vulgäre Religionskritik der Aufklärung (ala Voltaire) und der liberale (später sozialistische) Antiklerikalismus des 19. haben Jahrhunderts haben diese Topoi später quasi säkularisiert und die jüdischen Gottesmörder in jüdische Gotteserfinder verwandelt.

 

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