Dienstag, Oktober 16, 2007

30 Jahre Stammheimzellenforschung,
40 Jahre deutsch-palästinensische Freundschaft

Das öffentliche Reden über die RAF ist ein Reden über die Gewalt. Über deren politische Basis wird kaum ein Wort verloren.

Von der Gewalt sollen sie sich distanzieren, Reue zeigen, sich bei den Angehörigen der Opfer entschuldigen – die öffentliche Auseinandersetzung mit den ehemaligen RAF-Mitgliedern gleicht einem monströsen Beichtstuhl. Neben akribischen Spekulationen rund um die berühmte Nacht von Stammheim, geht es dabei aber hauptsächlich um Befindlichkeiten. Die Öffentlichkeit, vor allem Publizisten und Rezipienten, die selbst einst in der 68er Studentenbewegung irgendwo mitmischten, möchten den reuigen Sündern nur allzu gerne vergeben, wenn, ja wenn sie sich nur konsequent vom bewaffneten Kampf distanzieren. Klar, Stefan Aust und Thomas Schmid griffen nicht zur Waffe (soweit man weiß), haben jedenfalls niemandem gewaltsam etwas angetan – und beaufsichtigen heute eine Pferdezucht bzw. die Welt. Von den Schilys und Joschkas gar nicht erst zu reden. Ihnen allen verlangt man in diesen Tagen keinen Bußgang ab. Nur der bewaffnete Arm der 68er-Linken soll im Nachhinein abgehackt werden, nicht zuletzt, um dieser Bewegung, der sie entstieg, die Absolution zu erteilen.

So unumgänglich und notwendig die Auseinandersetzung mit der mörderischen Gewalteskalation ist, die politische Auseinandersetzung wird so eher verkleistert als gefördert. Und das ist wohl auch im Sinn all der moralischen Aufarbeiter im Weinberg des Herrn. Denn die politische Katastrophe, die die Politik der RAF darstellte, ist ebenso die politische Katastrophe der Linken jener Zeit.

Katastrophe? Ja. Eine Linke, die sich nichts dabei dachte, die Alliierten, also die Befreier vom Nationalsozialismus, als feindliche Besatzer zu bezeichnen, die nicht aufschrie, als Ulrike Meinhof von „Israels Nazi-Faschismus“ sprach und davon, man solle „das deutsche Volk vom Faschismus freisprechen“, um im Gegenzug das Massaker an israelische Sportler bei den Olympischen Spielen 1972 in München zu begrüßen, eine Linke, die die Selektion jüdischer Geiseln 1976 in Entebbe ohne mit der Wimper zu zucken zur Kenntnis nahm, die das sozialdemokratische Deutschland der siebziger Jahre als faschistisch bezeichnete, während sie Maos Kulturrevolution in China feierte, bei der zigtausende politische Gegner ermordet wurden - welche politischen Kategorien hatte die überhaupt?

Es war eine reichlich verkorkste Nachkriegsgeneration, die, wie es Richard Herzinger auf Welt-Online treffend formulierte, „den antifaschistischen Widerstand, den ihre Eltern nicht geleistet hatten, (…) jetzt im Kampf gegen die einstigen Gegner Nazideutschlands nachholen“ wollte, und damit alles andere als Antifaschismus praktizierte. So zu tun, als sei all dies nur auf den Mist der RAF gediehen, ist jedoch eine bequeme Haltung für all die Alt-68er, die jetzt so gerne mit dem Finger auf jene zeigen, für die sie damals mindestens „klammheimliche“ Sympathie empfanden. Von der Gewalt können sich diese ehemaligen Studentenrevolutionäre heute leicht distanzieren, ihnen fehlte damals vielleicht schlicht der Mut, in den Untergrund zu gehen. Ihr politisches Denken jedoch unterschied sich kaum von dem der RAFler. Was also bringt uns das Insistieren auf die Distanzierung von der Gewalt heute noch? Selbst die RAF hat bereits 1998 die Waffen niedergelegt, die Militarisierung ihrer Politik als schweren Fehler kritisiert. Alle RAFler, derer man habhaft wurde, wurden verurteilt, haben ihre Strafen abgesessen – das alles ist Geschichte.

Gewalt ist zudem kein objektiver Begriff, bzw. bezieht seine Objektivität ausschließlich aus der jeweils aktuell gültigen Rechtslage (wahlreise religiöse Schriften). Sich allein darauf zu berufen, ist unzulässig, das haben auch die Nazi-Verbrecher in den Nürnberger Prozessen getan. Selbstverständlich gibt es gerechtfertigte Gewalt, notwendige Gewalt. Nur Radikalpazifisten und Nonnen können das ernsthaft bestreiten. Hätte die andere R.A.F., die britische, nur Sit-Ins veranstaltet, wo wären wir heute? Wichtiger als die abstrakte Kritik der Gewalt ist jetzt die Kritik der Motive jener Gewalt. Die Motive, die Munition für die Gewalt, lieferte jedoch die gesamte Linke.

Der Kommunistische Bund forderte 1973 die „Zerschlagung des zionistisches Staates“ Israels. Hat in diesem Gedenkjahr eigentlich schon irgendjemand vom früheren KB-Mitglied Jürgen Trittin eine Stellungnahme dazu eingefordert? Der maoistische, die Roten Khmer hofierende KBW bezeichnete die Fernsehdokumentation „Holocaust“ 1979 als „zionistische Propaganda“. Hat man die KBW-Mitglieder Reinhard Bütikofer und Ulla Schmidt schon dazu interviewt? Joschka Fischer wurde als Außenminister regelmäßig mit den Prügel-Fotos aus Frankfurt konfrontiert, dass er 1969 in Algier Jassir Arafats Rede über den Kampf gegen Israel bis zum „Endsieg“ lauschte und dazu die Faust zum Gruß erhob, war hingegen immer nur eine Randnotiz wert. Die PDS/Linkspartei/Linke distanziert sich gern von Militanz, die Zusammenarbeit von SED und PLO hat man dort noch nie aufgearbeitet.

Gewalt böse finden, das ist eine leichte Übung. Das unterschreibt dir jeder, selbst der größte Massenmörder. Die Aufarbeitung der linken Irrungen und Wirrungen der letzten 40 Jahre, das ist eine ganz andere Herausforderung. Wer das jedoch nicht möchte, der sollte über die RAF schweigen.


Bild1: Stefan Aust (Mitte), Quelle

Bild 2: RAF-Anwalt Schily, Revolutionärer Kämpfer Fischer und RAF-Anwalt Schröder

3 Comments:

At 11:18 nachm., Blogger orcival said...

Mmh, ich weiss ja nicht. Die Punkte, die den Antizionismus, den Antisemitismus und schlicht die grössenwahnsinnige Anmassung des antifaschistischen Widerstands angehen würde ich durchaus teilen: ABER ich glaube nicht, dass die Einschätzung, dass
"Nur der bewaffnete Arm der 68er-Linken soll im Nachhinein abgehackt werden," soll "nicht zuletzt, um dieser Bewegung, der sie entstieg, die Absolution zu erteilen." zutrifft.

Um sich sinnvoll mit dem Umgang mit der RAF auseinandersetzen zu müssen, wird man meines Erachtens nicht umhin kommen zwischen Kritiken, die sich (wenn auch nur ihrem Selbstverständnis nach) einem wie immer definierten linken Projekt verbunden fühlen und Kritiken, die das nicht tun.

Denn auch wenn es romantisierend scheinen mag, "68" war auch in Zusammenhängen, die Militanz nicht ausschlossen, auch ein Laboratorium linker Politikformen, die gerade von der RAF differierten. Und ich hoffe, Du willst nicht sagen, dass Stadtteilgruppen dasselbe sind wie die RAF. Dass sie sich eventuell genauso verquast "antiimp"ig verhalten haben und der Kopf bei einigen vor nur wenig verhohlenen Vernichtungsphantasien nur so überquoll, mag trotzdem stimmen, aber dieses ewige in Bausch und Bogen in die Tonne treten, scheint mir langsam doch etwas zu einfach.

Und dann noch ein strategischer Punkt: ein Post wie Deiner ist für mich eine Polemik, die vor einem (virtuellen) Publikum sinnvoll sein mag, das so grundsätzlich anderer Meinung ist, dass eh kein Blumentopf mehr zu holen ist, aber ich hab aus dem Kommentaren eher nicht den Eindruck, dass das die Leute sind, die Dein Blog lesen. Wozu also so ein Post an dieser Stelle?

 
At 2:40 nachm., Blogger Ivo Bozic said...

@orcival
danke für deine anmerkungen. das gegenteil von in bausch und borgen in die tonne treten ist mein motiv. mich nervt die scheinheilige fokussierung der kritik auf die raf. in der ganzen auseinandersetzuntg um die raf wird so getan, als sei die raf eine völlig irrationale mit nichts im zusammenhang stehende spinnertruppe gewesen. und da der großteil der auseinandersetzung vor allem von leuten betrieben wird, die früher selbst nur zentimeter weit entfernt von der raf standen, macht das noch schräger. mir gehts darum, dass man die raf als teil einer linken geschichte denken sollte, und wenn man in diesem zusammenhang über die fehler der raf spricht, dann gehört es sich nicht, über die fehler der restlichen bewegung zu schweigen.

zum anderen nervt mich die reduktion der debatte auf die gewaltfrage, da das seit 1998,der raf-auflösung, eigentlich nur noch eine kleine geistige fingerübung ist. während die politischen wirren jener tage dabei überhaupt nicht diskutiert werden.

mir gehts dabei nicht darum, zu behaupten, ALLES was "68" entstanden ist, ist murks. ganz und gar nicht. diese zeit war ganz entscheidend für einen kulturellen und moralischen und auch politischen aufbruch aus der postfaschistischen nachkriegsgesellschaft. wie die gesellschaft ohne ein "68" ausgesehen hätte, konnte man ja in der ddr sehen, wo es diese kulturelle befreiung nur in ansätzen gegeben hat. trotzdem gehts mir darum, dass die linke die auseinandersetzung mit dem deutschen herbst, mit der raf, zu einer auseinandersetzung der eigenen politischen fehler jener zeit macht. zum beispiel eben mit der position gegenüber israel, mit dem "antifaschismus"-verständnis und mit dem maoismus, der im gegenteil zum stalinismus von der linken nie endgültig abgehakt wurde.

 
At 12:42 vorm., Blogger orcival said...

@ivo:
schön zu lesen, dass ich dich dann wohl zu einseitig gelesen hab und nun sehe dass ich jede deiner bemerkungen ziemlich genauso sehe.

und irgendwie ist es ja auch wirklich beängstigend, dass alles was von durchaus auch ernst zu nehmender linker seite den RAF-gedenkfestspielen entgegengehalten sind, irgendwelche "erzähl uns von damals"-veranstaltungen sind, die meist auch eher mit knallos von statten gehen.
so ein richtig schöner linksradikaler kaminabend, bei dem sich das publikum den antisemitenfeudel eng um den hals schmiegt und entspannt mit ner brause zurücklehnt.

viel weiter war man ja nie, aber ein bisschen halt doch...

 

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